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Bio statt Pharma: Wirkstoffe aus der Natur für neue Therapien und Medikamente

Bio statt Pharma: Wirkstoffe aus der Natur für neue Therapien und Medikamente

„Der Bedarf an neuen und verbesserten Ansätzen zur Vorbeugung und Heilung von Erkrankungen ist ungebrochen“, meldet die Universitätsmedizin Mainz. Deswegen hat man dort einen interdisziplinären Arbeitskreis ins Leben gerufen: ChemBioMed – das Beste aus Chemie, Biologie und Pharmazie für eine erweiterte Medizin!

Weltweit setzen Mediziner vorwiegend chemische „Kampfstoffe“ ein in ihrem Feldzug gegen die Invasion von krankmachenden Viren, Keimen und Co. Ein wenig ins Abseits geraten ist dabei das Arsenal aus der Natur: Die Heilkraft mancher Pflanze wurde lange Zeit nicht ernst genommen; wer Naturmedizin verordnete, wurde als „vorwissenschaftlich“ verlacht. Keine kluge Einstellung, wie auch die Pharmaindustrie mittlerweile erkennt.

Mit Wissenschaft den Biowirkstoffen auf der Spur

Nach und nach hat es sich herumgesprochen, nach und nach akzeptiert es auch die etablierte Wissenschaftsgesellschaft: Wirkstoffe aus der Natur, sogenannte Biowirkstoffe, gibt es in überbordender, noch längst nicht erforschter Fülle und Intensität!

Für aufregende Entdeckungen müssen die Forscher gar nicht erst bis ins Amazonasgebiet reisen – Hanf beispielsweise wächst vor unserer Haustür!

Die Kulturpflanze wurde ihrer berauschenden Inhaltsstoffe wegen dämonisiert; wer sich dem Hanf ernsthaft, also mit wissenschaftlicher Haltung näherte, wurde schon mal gefragt, ob er vielleicht zu viel von der Pflanze genascht hatte …

Gott sei Dank, gehen starre Haltungen zusammen mit ihren Verfechtern in Pension – eine neue, jüngere Generation von Forschern nähert sich weniger vorurteilsbeladen den „Off-limits“-Gebieten. Jüngstes Beispiel: die Universität in Mainz.

Arbeitskreis für Biowirkstoffe an der Uni Mainz

Fünf Jahre hat ihm der Senat der JGU, der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, zugebilligt! Solange darf der neugegründete interdisziplinäre Arbeitskreis ChemBioMed (Chemische Bio-Medizin) forschen und agieren.

Beteiligt an diesem Arbeitskreis sind Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz sowie der Fachbereiche Biologie, Chemie und Pharmazie.

Der Arbeitskreis soll die Forschung der jeweiligen Bereiche verstärken und Informationsplattform und Diskussionsforum sein. Zu den zentralen Aufgaben gehört auch die fachübergreifende Ausbildung von Studierenden – Stichwort Lebenswissenschaften.
„So existiert beispielsweise der erfolgreiche und beliebte Studiengang Biomedizinische Chemie, der Studierende intensiv auf die Wirkstoff-Forschung vorbereitet“, berichtet Univ.-Prof. Dr. Till Opatz vom Institut für Organische Chemie der JGU.

ChemBioMed verfolgt das Ziel, beispielsweise aus Pilzen, Bakterien oder Schwämmen neue (Biowirk-)Stoffe zu gewinnen. Die Hoffnung der Forscher: dass mit Hilfe der Biowirkstoffe Krankheiten untersucht, erkannt und verhindert werden können. Die Erkenntnisse der Wissenschaftler sollen in neue Therapien und Arzneien münden.

Erste Erfolge des Mainzer Arbeitskreises für Biowirkstoffe

Die beteiligten Gruppen haben bereits erste anti-inflammatorische (also gegen eine Entzündung gerichtete) und anti-tumorale Naturstoffe aus Pilzen identifiziert; zurzeit befinden sie sich in der präklinischen Testphase.

Univ.-Prof. Dr. Roland Stauber von der Hals-, Nasen-, Ohren-Klinik und Poliklinik – Plastische Operationen der Universitätsmedizin Mainz, der zu den Sprechern von ChemBioMed zählt spricht von einem großen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Potenzial, da

„… weltweit ein immenser Bedarf für neue und immer wirkungsvollere ‚chemische Werkzeuge‘ herrscht.“

Forschung ist immer auch Politik und Kampf um Mittel. Der Wissenschaftliche Vorstand der Universitätsmedizin Mainz, Univ.-Prof. Dr. Ullrich Förstermann, denkt auch an den Ruf der JGU:

„Die ChemBioMed-Initiative stärkt das fachbereichsübergreifende Forschungskonzept zwischen JGU und Universitätsmedizin. Dies ist ein weiterer wichtiger Schritt, den Wissenschaftsstandort Mainz als ein international bedeutendes Zentrum für molekulare Medizin zu etablieren. Durch die stärkere Integration der Wirkstoffforschung schließt ChemBioMed die Lücke zwischen biomedizinischer, pharmazeutischer und chemischer Grundlagenforschung sowie klinischer Anwendung.“

Über die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz“

Die Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist die einzige medizinische Einrichtung der Supramaximalversorgung in Rheinland-Pfalz und ein international anerkannter Wissenschaftsstandort. Sie umfasst mehr als 60 Kliniken, Institute und Abteilungen, die fächerübergreifend zusammenarbeiten. Hochspezialisierte Patientenversorgung, Forschung und Lehre bilden in der Universitätsmedizin Mainz eine untrennbare Einheit.

Der Kurzkommentar

Es ist eine Tatsache, die man für zynisch, aber trotzdem für richtig und berechtigt halten kann: Zusammen mit ihren Verfechtern sterben überholte Ideen und Gedankengebäude und sture, starre Haltungen aus. Manchmal allerdings siegt die Einsicht auch schon früher – zum Beispiel beim Blick ins Portemonnaie!

Pharmafirmen haben ein legitimes Interesse an Gewinn und Profit. Manchmal übertreiben sie es, manchmal scheuen sie das finanzielle Risiko von Forschung, Entwicklung und Produktion (der im Sommer 2014 besonders aktive Ebola-Virus ist dafür ein beredtes Beispiel: Aufwand und Ertrag stehen aus Sicht der Pharmaindustrie in keinerlei vertretbarem Zusammenhang – man kann sagen, dass es deswegen keine wirksamen Medikamente gibt gegen das todbringende Virus).

Die Erforschung von Biowirkstoffen ist ein grundsätzlich richtiger Ansatz: „Naturstoffe aus Pilzen, Bakterien oder Tiefseeschwämmen als Quelle möglicher neuer Wirkstoffe haben im Vergleich zu rein synthetisch hergestellten Substanzen … einen entscheidenden Vorteil: Die Evolution hat die Stoffe in lebenden Organismen bereits vorgetestet“, heißt es in einer Pressemeldung der Uni Mainz.

Ein zweiter Vorteil: Biowirkstoffe sind natürlichen Ursprungs – kaum vorstellbar, dass ihre Produktion problematische Hinterlassenschaften erzeugt.

Synthetisch hergestellte Medikamenten hingegen belasten unsere Grundwässer: Die Produktion benötigt oft hochtoxische Substanzen, deren Entsorgung immens aufwendig ist; ein gigantisches, gerne aber ignoriertes Problem stellen all jene Medikamente dar, die von den Patienten in die Kloschüssel gekippt oder in den Mülleimer geworfen werden. Für sie gibt es kaum eine „saubere“ Rückführung.

Biowirkstoffe üben auf Konzerne einen Reiz aus, dem sie Sitte, Anstand und Verantwortungsbewusstsein gerne einmal unterordnen. Firmen wie Monsanto und Nestlé geraten immer wieder in dieselbe Kritik: dass sie, wird ihnen vorgeworfen, eine Form von Herrschaft für sich reklamierten, die ein jegliches Maß überschreite. Konzerne lassen heute Pflanzengene patentieren oder zwingen Landwirte, ihr Saatgut zu kaufen: genverändert und steril.

Nestlé beispielsweise will jetzt per Patentschutz die Kontrolle über den Fenchel gewinnen.

Ich meine – Da muss Nestlé etwas falsch verstanden haben: „Macht euch die Welt untertan“, dieses Bibelwort bedeutet nicht, dass einer allein sie besitzen darf!

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