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Borderline-Syndrom: Ritt durchs Leben auf stumpfer Rasierklinge

Borderline-Syndrom: Ritt durchs Leben auf stumpfer Rasierklinge

Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt: Was früher dem Krankheitsbild der Depression zugeordnet wurde, trägt seit Ende der 30-er Jahre einen eigenen Namen: Borderline-Syndrom.

Tolle, nichtssagende Namen

Blinddarm ist ein toller Name: Da weiß man, was man hat, wenn der Doktor mit dieser Diagnose kommt. Genauso geht es mit Schnupfen, Krebs und Heiserkeit.

Demgegenüber stehen Krankheiten, die nebulös klingen und erst eines massiven Marketing-Angriffs bedürfen, bevor sie von den Menschen registriert werden (aktuell bei ALS der Falls, der amnyotrophen Lateralsklerose), oder Krankheiten, die alles mögliche bedeuten und deshalb nicht wirklich ernst genommen werden wie zum Beispiel die Multiple Sklerose oder die Depression.

Bordeline-Syndrom

In dieselbe Rubrik gehört auch das Borderline-Syndrom. Fachleute streiten darüber, ob es sich bei Borderline wirklich um eine eigenständige Krankheit handelt oder nur um die „Sammelbezeichnung“ verschiedener Probleme.

Spielt das eine Rolle für den Patienten? Wohl nur in einer Hinsicht: Die vielen Gesichter des Borderline-Syndroms machen es dem Arzt und erst recht den Angehörigen schwer, die Not der Patienten zu erkennen und in ihrer Tragweite ernst zu nehmen. Besser: ernst genug zu nehmen, denn Borderline ist für die Betroffenen wie der Ritt auf der Rasierklinge: Sie fürchten links oder rechts abzustürzen und haben zugleich Angst, sich in die Klinge zu bohren. Und ihre Umgebung, Freunde und Familie stehen oft genug hilflos oder, schlimmer noch, ahnungslos daneben.

Hier der Bericht eines Borderline-Patienten. Der junge Mann begab sich Mitte 2014 im Alter von 24 Jahren aus eigenem Antrieb in die geschlossene Abteilung einer Psychiatrie. Dort wurde ihm die Therapie DBT empfohlen, die „Dialektisch-Behaviorale Therapie“ nach Linehan. Sie wird auch eingesetzt bei posttraumatischen Störungen: bei Vergewaltungungsopfern, bei Kriegsheimkehrern.

„Borderline heißt, sich seinen Emotionen ausgeliefert zu fühlen und die Kontrolle über sie zu verlieren.“

„Aus meinem Leben” – ein Borderline-Patient berichtet

„Das erste Mal, als ich merkte, dass mit mir etwas nicht stimmte, war so mit 13 oder 14 Jahren. Damals schlich sich die für Borderline-Patienten typische innere Leere in mein Leben. Später bemerkte ich, dass ich alltägliche Situationen anders erlebte als meine Freunde und auf Kleinigkeiten oft heftiger reagierte als sie. Es dauerte, bis ich 23 Jahre alt war, bevor mich ein von außen betrachtet alltägliches Ereignis seelisch in die Knie zwang. Ich wies mich in eine Psychiatrie, um mich vor mir selbst zu schützen.

Damals schlich sich die für Borderline-Patienten typische innere Leere in mein Leben.

In der Klinik wurde mir die „emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline“ diagnostiziert, und man verwies mich auf die Spezialstation im Isar-Amper-Klinikum in Haar bei München, wo man Borderline mit der „Dialektisch-Behavioralen Therapie“ (DBT) nach Linehan behandelt.“

Im Warteraum zwischen zwei Therapien

„Bevor man in die DBT in Haar aufgenommen wird, absolviert man einen Vorstellungstermin. Danach hat es bei mir knapp sechs Wochen gedauert, bis ich stationär aufgenommen wurde; von anderen weiß ich, dass sie deutlich länger warten mussten.

Von den 12 Wochen, die man auf Station verbringt, sind die ersten beiden Wochen zur Orientierung gedacht. Man nimmt zwar schon an Gruppentherapien wie Sport oder Ergotherapie teil, aber in die DBT-spezifischen Gruppen kommt man erst, nachdem man mit dem Personal noch einmal über seine Motivation und seine persönlichen Ziele gesprochen hat. Man hat dann vier Gruppentherapien und ein Einzelgespräch mit dem Therapeuten und eins mit einer Bezugspflegekraft pro Woche.

Das meiste andere ergibt sich aus diesem Unvermögen, mit seinen Gefühlen umgehen zu können.

Während in den Einzelgesprächen hauptsächlich die individuellen Ziele verfolgt werden, dienen die Gruppen zum Erlernen sogenannter „Skills“. Ein Skill ist ein Verhalten, das in schwierigen Situationen wirksam ist, ohne langfristige Schäden zu verursachen. Das klingt etwas banal, da sozusagen selbst die Gewichtsverlagerung vom rechten aufs linke Bein ein Skill ist, für Borderliner sind Skills aber von großem Nutzen. Wir Borderliner haben uns irgendwann sogenanntes „dysfunktionales Verhalten“ angeeignet, um in schwierigen Situationen die Selbstbeherrschung zu bewahren oder mit extremen Emotionen umzugehen. Der klassische Fall ist das Ritzen, also selbstverletzendes Verhalten, um Einsamkeitsgefühle auszuhalten, inneren und äußeren Druck abzubauen oder die innere Leere zu füllen. Ich habe mich jahrelang mit Rasierklingen an Arm und Oberkörper geritzt, bis das Blut floss. Die Narben sind meine Geschichte.

Man fühlt sich plötzlich verstanden und nicht mehr allein. Dadurch entstehen sehr innige Freundschaften und hin und wieder auch Liebe.

Das Skilltraining umfasst mehrere Bereiche wie Selbstwert, Umgang mit Gefühlen und zwischenmenschlichen Fertigkeiten. Ein weiteres Kernelement sind Achtsamkeitsübungen. Borderliner neigen dazu, sich von vergangenem Erlebten zu sehr zu beeinflussen und über die Zukunft zu grübeln. Achtsamkeitsübungen, die aus dem Zen übernommen wurden, sollen helfen, sich wieder auf die Gegenwart zu konzentrieren und diese anzunehmen.“

Alltag in der Therapie: Regeln, Regeln, Regeln

„Das Leben auf Station ist sehr geregelt. Es gilt ein Handy- und Laptopverbot auf der gesamten Station, Fernsehen ist nur am therapiefreien Wochenende gestattet. So bleibt viel Zeit, sich mit den Mitpatienten auszutauschen.

Eigentlich war es verboten, dass wir über Problemverhalten wie Ritzen, Drogen oder Suizidversuche miteinander sprachen, doch genau das waren zumeist die Gesprächsthemen. Bei 20 Leuten hat man 20 verschiedene Geschichten, aber bei diesen Themen haben die meisten sehr ähnliche Erfahrungen gemacht. Man fühlt sich plötzlich verstanden und nicht mehr allein. Dadurch entstehen sehr innige Freundschaften und hin und wieder auch Liebe, obwohl Beziehungen auf Station verboten sind.“

Borderline: Nach der Therapie ist vor der Therapie?

„Ich erinnere mich gerne an meine Zeit in Haar. Es war eine schwere, arbeitsreiche Zeit, aber es waren auch sehr lustige, spannende und sehr herzliche Momente dabei. Ich habe mich immer sehr gut vom Personal behandelt gefühlt, ernst genommen mit meiner Krankheit und mit meinen Gefühlen.

Leider ist Borderline nicht heilbar. Ich werde mein Leben mit dieser Störung teilen müssen, aber die Therapie hat mir gezeigt, welche Schritte ich machen muss, um es zu schaffen. Das stationäre Therapieprogramm ist wie ein Crashkurs, und eine weiterführende ambulante Therapie wird dringend empfohlen. Wir Borderliner gehören nicht zu den beliebtesten Patienten, da wir im Ruf stehen, anstrengend und schwierig zu sein. Außerdem gibt es nicht viele Therapeuten, die eine ambulante DBT anbieten. So bin ich fünf Wochen nach meiner Entlassung immer noch auf der Suche nach einem ambulanten Therapeuten. Aber ich sehe der Zukunft positiver entgegen, und Termine zur Vorstellung bei mehreren Therapeuten hab ich auch schon.“

Links & Quellen

Flyer zum Borderline-Syndrom (pdf-Dokument) des Isar-Amper-Klinkums München Ost

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