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Überschätzt? Resveratrol und der Rotwein

Überschätzt? Resveratrol und der Rotwein
Das Polyphenol Resveratrol gilt als Jungbrunnen, und es steckt in der Weintraube. Eine Mischung, die für Furore – doch mittlerweile für Enttäuschung sorgt. Zumindest bei den „Profis“.
Das Ärzteblatt schimpft!

 „… Resveratrol hat weder Substanz noch Relevanz – der Traum von ewiger Jugend im Jungbrunnen von Resveratrol ist ausgeträumt!“

schreibt beispielsweise ein Dr. Schaetzler im Forum des Deutschen Ärzteblatts. Und man weiß nicht so genau, ob er persönlich enttäuscht ist oder sich nur über über die ärgerliche Qualität der Untersuchungen und Studien erregt.

Nahrungsergänzungsmittel:
Die Suche nach dem Heiligen Gral?

Einst suchten die Alchemisten in ihren Küchen nach der Rezeptur für Gold, heute ist man der ewigen Jugend auf der Spur.

Als der Molekularbiologe David Sinclair Anfang dieses Jahrtausends die Lebensphase von Hefezellen verlängern konnte, jubelte die Yellow Press: Ein Anti-aging-Mittel war entdeckt – ein Wirkstoff, der das Altern aufschiebt oder gar verhindert.

Der für die Lebensverlängerung verantwortliche Wirkstoff heißt Resveratrol. Resveratrol ist ein Polyphenol, eine bioaktive Substanz, die zu den sekundären Pflanzenstoffen gehört.

Sekundäre Pflanzenstoffe stecken voller Überraschungen. Ob Krebs, zu hoher Blutdruck, Thrombosen, Diabetes – es gibt kaum eine Fehlfunktion im menschlichen Körper, auf die Polyphenole keine Antwort hätten.

Und nun eben auch das Ende des Alterns?

Wer schreit, hat schon verloren

Man sollte immer vorsichtig sein. Hinter den Heilsversprechen der Forscher stehen stets auch massive Interessen. Nicht zuletzt die nach Geld und Ruhm. (So betrachtet, ist man heute keinen Schritt weiter als die Alchemisten des Mittelalters, die ebenfalls nach Ruhm und Reichtum trachteten.)

Ins Zentrum des Interesses rückte Resveratrol nicht zuletzt, als sich herumsprach, wo man diesen Stoff finden konnte: in der Weintraube.

Rasch konstruierten die Medien einen Kausalzusammenhang: „Wer Rotwein trinkt, verlängert sein Leben“, lauteten die Schlagzeilen. Wer ein wenig realistisch blieb, erkannte, dass das so nicht stimmen konnte, denn die Realität ist weitaus nüchterner.

Studien vorzeitig abgebrochen

Richard Semba und seine Mitarbeiter von der Johns Hopkins Universität School of Medicine in Baltimore wollten es genauer wissen. Die Ergebnisse ihrer Studien fassten sie in einer Publikation zusammen – das Team hatte die Untersuchungen vorzeitig abbrechen müssen.

Während einer Phase-2-Studie an Patienten mit bösartiger Krebserkrankung des Knochenmarks war es zu schweren Nebenwirkungen gekommen. Bei einigen Patienten hatten sogar die Nieren versagt. Als Übeltäter im Verdacht stand das Resveratrol.

Schon vorher hatten kritische Stimmen darauf aufmerksam gemacht, dass bei vielen der euphorischen Meldungen der Wunsch im Vordergrund stand, Resveratrol könnte heilen – der Sachverstand aber war ausgeblendet worden. Hinweise waren verwechselt worden mit Beweisen.

Und so steht der harte Nachweis noch immer in den Sternen, dass Resveratrol lebensverlängernde Eigenschaften besitzt oder bei Krebs hilft. Wissenschaftler Semba gibt sich desillusioniert.

Am Ende, so zitiert ihn das Ärzteblatt, könnte der Medienrummel um Resveratrol ein weiteres Beispiel sein, das den „Test der Zeit nicht besteht“. In Amerika würden jährlich 30 Millionen Dollar resveratrolhaltige Nahrungsergänzungsmittel umgesetzt – obwohl nur eingeschränkte oder gar widersprüchliche Daten vorliegen.

PS: Was man allerdings seit Jahrhunderten weiß und schätzt, auch ohne das Polyphenol Resveratrol zu kennen: Ein Glas Rotwein, noch dazu in geselliger Runde getrunken, hebt die Lebensfreude. Und das ist ja sicherlich auch nicht zu verachten!

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