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Schüßler-Salze

Schüßler-Salze

Obwohl es sich bei den Schüßler-Salzen nicht um ein homöopathisches Verfahren handelt, wird die Therapie zur Homöopathie gerechnet. Ein Abstecher in die Medizingeschichte.

1874. Remington Arms, bekannt für seine Waffen, bringt in Amerika eine Schreibmaschine auf den Markt, die Remington No. 1. Im selben Jahr wird Karl May aus dem Zuchthaus Waldheim bei Chemnitz entlassen und beginnt seine Karriere als „Reiseschriftsteller“. Und in Oldenburg veröffentlicht ein Arzt die Ergebnisse seiner Forschung:

Sein kaum 65 Seiten umfassendes Büchlein Eine abgekürzte Therapie legt den Grundstein zu einer einzigartigen Behandlungsmethode. Ihr Autor? Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler. Seine Methode? Das biochemische Therapieverfahren auf der Basis von Mineralsalzen, den sogenannten Schüßler-Salzen.

Götterdämmerung

Mitte des 19. Jahrhunderts tut sich in der europäischen Medizin nahezu unbemerkt eine Kluft auf. Während die alten Behandlungsverfahren zwischen rabiaten Eingriffen und sanfter Naturheilkunde pendeln (erst am 16. Oktober 1846 ist im Massachusetts General Hospital zu Boston die erste schmerzfreie Operation unter Narkose gelungen), glimmt am Horizont bereits das Feuer des naturwissenschaftlichen Zeitalters.

Wilhelm Conrad Röntgen wird bald nie gesehene Einblicke in den Körper ermöglichen. Paul Ehrlich wird Blutzellen einfärben und die Diagnose von Blutkrankheiten und Tumoren verbessern, ja sogar erst erschließen. Augustus Desiré Waller wird 1882 zum ersten Mal ein EKG abnehmen – an seinem Hund Jimmy –, und der Italiener Scipione Riva-Rocci erfindet den Vorläufer des heute noch gebräuchlichen Blutdruckmessgeräts auf Basis der Quecksilbersäule. Es sind aufregende Zeiten, denen sich Medizin und Patienten gegenübersehen.

Die neuen, die aufregenden Zeiten werden aber auch zu einer Verarmung führen, denn die Ergebnisse von Forschung und Wissenschaft sind derart überzeugend, dass alles als Außenseiter gilt, was nicht messbar ist, quantifizierbar, nachweisbar oder statistisch relevant. Die Macht der Apparate und der Pharmazie erobert die Welt – altes Wissen hat es schwer, sich zu behaupten, und gerät in Vergessenheit oder wird desavouiert: bloßgestellt, als irrelevant eingestuft, ja lächerlich gemacht.

Im Schutz und Bann der Heilkunde

Dabei haben die alten Erkenntnisse den Menschen bisher nicht schlecht geholfen. Es existiert ein enormes Wissen, das nicht erst bei Hildegard von Bingen seinen Ursprung nimmt. Die Klosterfrau, eine gläubige Rebellin, eine Mystikerin, eine umfassend gebildete Frau, hat die medizinischen Kenntnisse der damaligen Zeit Mitte des 12. Jahrhunderts zusammengetragen. Hildegard ist auf eigene Weise eine Art Gebrüder Grimm der Medizin, denn besondere Aufmerksamkeit schenkt sie der Volksmedizin. Was es über Hexenschuss, Gicht, Zahnschmerzen, Frauenleiden, Grippe zu wissen gilt, es findet sich bei Hildegard.

In den folgenden Jahrhunderten tut sich nicht viel. Sicher, die zahllosen Kriege bieten den pathologisch interessierten Medizinern menschliches Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle. Sektionen, also Leichenöffnungen, sind im 17. Jahrhundert ein gesellschaftliches Ereignis; ein fasziniertes Publikum bezahlt Eintritt, wenn wieder eine Obduktion stattfindet. Etwas wirklich Neues aber entsteht erst Ende des 18. Jahrhunderts. Und wie so oft geschieht es eher beiläufig.

Revolution beim Ansatz einer Therapie

1790 übersetzt Christian Friedrich Samuel Hahnemann die Arzneimittellehre des damals vielgerühmten schottischen Mediziners William Cullen. An einer Stelle stockt der Übersetzer. Hahnemann ist selber Arzt. Was er bei Cullen über die Wirkweise der Chinarinde beim Wechselfieber (Malaria) liest, erregt seinen Widerspruch: Er, Hahnemann, glaubt nicht, dass Chinarinde den Magen „stärkt“ – er hat andere Erfahrungen gemacht. In einem der in der Medizingeschichte so häufigen Selbstversuche hatten sich bei ihm alle bekannten Symptome der Malaria gezeigt, mit Ausnahme der starken Fieberschübe.

Sehr zurückhaltend zieht Hahnemann in einer Fußnote der Übersetzung seine Schlüsse: Weil die Chinarinde beim gesunden Menschen Symptome von Malaria auslöst, kann sie beim Kranken heilen. In ihrer gefährlichen Wirkung liegt ihr Potential zur Heilung.

Dieser (nomen est omen) homöopathisch-kleine Absatz gilt heute als der erste Hinweis auf die Homöopathie, auf die Therapie, deren bahnbrechende Erkenntnis in dem Prinzip gipfelt:

similia similibus curentur – Ähnliches wird mit Ähnlichem geheilt.

Ein homöopathisches Arzneimittel soll so gewählt werden, dass es beim gesunden Menschen dieselben (oder ähnliche) Symptome hervorruft wie die zu behandelnde Krankheit.

Pionier und Abweichler

Als Wilhelm Heinrich Schüßler die Bühne der Medizingeschichte betritt, hat sich die Homöopathie nach Hahnemann bereits fest etabliert. Überall in Deutschland gründen sich homöopathische Vereine, Zeitschriften werden ins Leben gerufen, nach und nach findet die Homöopathie Eingang in die Länder der Welt, und selbst die englische Königsfamilie vertraut auf sie. Die Homöopathie ist erfolgreich, sie krankt nur selbst an einer Sache: Sie ist unübersichtlich.

Rund 200 Heilmittel umfasst die Homöopathie zu Schüßlers Zeit – zu viel für den jungen Arzt. Er will sie vereinfachen und findet dazu einen Ansatzpunkt in der Schrift des Arztes Rudolf Virchow: Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre (Berlin 1858). Kurzgefasst besagt die Zellularpathologie, dass Krankheiten auf Störungen der Körperzellen basieren.

Einen zweiten Anstoß bilden die Schriften des niederländischen Physiologen Jakob Moleschott, der die Bedeutung der Mineralsalze für den menschlichen Organismus beschreibt. Schüßler geht dem nach und beginnt, die Baustoffe der menschlichen Zelle zu untersuchen. Und er zitiert Moleschott schon im Vorwort seines Büchleins:

»Aus Luft und Erde ist der Mensch gezeugt. Die Thätigkeit der Pflanzen rief ihn in’s Leben. In Luft und Asche zerfällt der Leichnam, um durch die Pflanzenwelt in neuen Formen neue Kräfte zu entfalten.«

Und Schüßler schreibt weiter:

»Die obigen Worte haben mich zu einem Studium der physiologisch-chemischen Wirkungen der anorganischen Stoffe des menschlichen Orgnaismus veranlasst.«

Bei der Analyse der Asche verstorbener Menschen findet Schüßler Mineralsalze in den Organen und im Gewebe in unterschiedlicher Art und Konzentration: Kalium- und Magnesiumphosphat beherrschen das Muskelgewebe; im Blut und in der Milz stößt er auf Eisenverbindungen; vergleichsweise hohe Vorkommen an Silizium schließlich entdeckt Schüßler in Haut, Haaren, Bindegewebe, Bändern, Knochen und Knorpeln. Schüßler hat seinen Ansatz gefunden!

Während er forscht, praktiziert Schüßler als Homöopath. Er kann froh sein, überhaupt ordinieren zu dürfen, denn seine Approbation hat man ihm 1855 verweigert: Schüßler hatte ohne Abitur, ohne ausreichenden Nachweis eines Studiums und ohne Abgabe einer Dissertation promoviert, und es ist rätselhaft, wie ihm das gelingen konnte bzw. was seine Alma Mater, die Universität Gießen, da getrieben haben mag. Fakt bleibt: ohne Staatsprüfung keine Berufserlaubnis! Also holt Schüßler das Erforderliche in Windeseile nach, legt 1857 das Abitur ab und besteht im August desselben Jahres die Staatsprüfung. Schüßler ist nun Dr. Wilhelm Heinrich Schüßler und steht unmittelbar vor seinem 36. Geburtstag. Schüßler beginnt zu praktizieren und zu forschen.

Jahre später, 1873, dann der erste Versuch, sein Wissen mit der Welt zu teilen: Schüßler veröffentlicht seine Überlegungen in der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung, dem wichtigsten Organ für Homöopathen im deutschsprachigen Raum. Seine Theorie besagt und seine Forschung bestätigt ihm:

  • Die von ihm gefundenen zwölf Salze wirken auf molekularer Ebene; sie beeinflussen das Geschehen in den Zellen des menschlichen Körpers.
  • Die Salze werden nach homöopathischen Prinzipien in der sogenannten Potenzierung (Verdünnung) verabreicht.

Hat Schüßler mit Skepsis, Ablehnung oder Kritik gerechnet? Möglich, die Geschichte berichtet nichts darüber. Überrascht aber war Schüßler sicherlich von der Intensität, die ihm von Seiten der Homöopathen entgegenschlägt.

Und wahrscheinlich, so ist zu vermuten, steckt hier der tiefere Grund, warum sich Schüßler später von der Homöopathie distanzieren wird.

Homöopathisch wirksam, aber keine Homöopathie

Doch auch in der Sache selbst gibt es gravierende Unterschiede. Die Homöopathie heilt Krankheiten durch Mittel, die beim gesunden Menschen die Symptome der Krankheit hervorrufen (similis simile). Das tun die Mineralsalze des Dr. Schüßler nicht.

In seinen Forschungen stößt der Homöopath Schüßler auf eine bemerkenswerte Erkenntnis: Organstörungen sind oftmals auf einen Mangel an Mineralien zurückzuführen. Am naheliegendsten wäre es nun, den Kranken einen Löffel „Mineral“ zu geben. Doch das funktioniert nicht, wenn das betreffende Mineralsalz in grobstofflicher Form vorliegt.

Dann die bahnbrechende Idee! Schüßler zerreibt die Mineralstoffe und potenziert (verdünnt) sie so weit, dass sie bereits mit der Mundschleimhaut aufgenommen werden können. In den Potenzierungen erkennt Schüßler eine Art Signalwirkung für den Körper, sie besitzen die Funktion, den Körper auf Heilung einzustimmen, sie sollen den gestörten Haushalt eines Minerals normalisieren.

Schüßler selbst spricht nie von „Schüßler-Salzen“, er nennt seine Mittel Funktionsmittel. Zwölf dieser Funktionsmittel stellt er her, die bei akuten und chronischen Erkrankungen eingesetzt werden.

In seinen Funktionsmitteln sieht er kein homöopathisches Heilmittel.

»Ich habe alles, durch Theorie und Praxis über die Molekularwirkung der genannten 12 Salze von mir ermittelte in ein System gebracht, und meiner Heilmethode den Namen ‚Biochemie‘gegeben. Die Biochemie ist mit der Homöopathie nicht identisch«,

schreibt er in der 1878-er Ausgabe seines Werks Eine abgekürzte Therapie. Den Grund dafür sieht er in der unterschiedlichen Wirkweise der Salze: „Wer von kleinen Gaben hört, denkt gewöhnlich sofort an Homöopathie. Mein Heilverfahren ist aber kein homöopathisches, denn es gründet sich nicht auf das Ähnlichkeitsprinzip, sondern auf die physiologisch-biochemischen Vorgänge, welche sich im menschlichen Organismus vollziehen.“

Unaufhaltsam

Schüßler starb am 30. März 1898. Der Siegeszug seiner Hinterlassenschaft aber ist ungebrochen. Zwischenzeitlich hatte Schüßler selbst die Anzahl um ein Salz reduziert, trotzdem spricht man heute, wenn von den Schüßler-Salzen die Rede ist, von den 12 Hauptmitteln.

Hauptmittel, dieses Wort lässt vermuten, dass es auch noch „Nebenmittel“ gibt. Und tatsächlich wurden nach dem Tode des Arztes noch zwölf weitere Funktionsmittel entdeckt. Sie werden heute als 12 Ergänzungsmittel angeboten und ergeben in der Gesamtheit die faszinierende und auch in der Selbstbehandlung leicht zu verstehende feinstoffliche Therapie der Schüßler-Salze!

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