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Vegan oder das Märchen vom Mangel

Vegan oder das Märchen vom Mangel

Wer sich vegan ernährt, macht eine eigentümliche Erfahrung: Das Thema lässt niemanden kalt. Als Veganer sieht man sich umgeben von Bewunderern, trifft auf Skeptiker, auf Spötter und, merkwürdig genug, auf Gegner. Vor allem eine Behauptung ist es, die immer wieder auf den Tisch kommt.

Wer sich vegan ernähre, so behaupten selbst Wissenschaftler, riskiere, überspitzt gesagt, sein Leben wegen des zwangsläufigen Mangels am lebensnotwendigen Vitamin B12. Diplom-Ökotrophologin Brigitte Neumann hält dem entgegen: „Quatsch!“

Woher rühren die Emotionen rund ums Vegane?

Zwei Gründe sind wohl ausschlaggebend.

  • Vegan ist in der Lifestyle-Ecke angekommen, es macht Spaß, man nimmt ab und fühlt sich wohl. Doch nicht alles, was hip ist oder hype, findet uneingeschränkten Beifall. In anderen Worten: Veganer grenzen andere aus – andere fühlen sich durch Veganer ausgegrenzt.
  • Vegan umgibt etwas Sonderliches, etwas Radikales. Veganer leben auf einer eigenen Bewusstseinsstufe. Das stört – zumindest einige Nicht-Veganer.*

Ähnlich wie in der Astrologie, wo Anhänger und Überzeugte auf Spott treffen, auf Ignoranz und auch Intoleranz, sieht sich ein Veganer mit Vorurteilen und Unkenntnis konfrontiert.

Eines der wichtigsten Abwehrmittel aus der Reihe der Vegan-Ablehner: der Hinweis auf das Vitamin B12, an dem es dem Veganer fehle.

Und darum geht es in diesem Artikel, um den Mangel an Vitamin B12 beim Veganer.

Vitamin B12: Ein kleiner Baustein und seine Stellung im gesamten Organismus

Keine Frage: Wir brauchen Vitamin B12 (wie viel, wozu und warum, erfahren Sie in der Liste weiter unten). Vitamin B12 ist lebensnotwendig! Dumm nur, dass der Körper nicht selbst dafür sorgt und das Vitamin B12 selbst herstellt. Beim ebenfalls existentiell wichtigen Cholesterin schafft unser Körper das doch auch: Er überlässt es nicht dem Zufall oder der Zufuhr von außen, dass wir ausreichende Mengen der fettähnlichen Substanz besitzen.

Vitamin B12 erhalten wir fast ausschließlich durch tierische Produkte. Also genau die Stoffe, die der Veganer sich nicht zumuten will.

Ist aber der Verzicht bereits ein Mangel? Folgt man den Behauptungen mancher Wissenschaftler, dann schon. Einige versteigen sich sogar in die Anklage der „Körperverletzung“ oder widersprechen sich selbst, wie zum Beispiel Diplom-Ökotrophologe Uwe Knop in einem Interview:

Pauschale Allgemeinaussagen, sagt Knop, seien in der Ernährungsforschung nicht möglich, man müsse immer den Einzelfall betrachten. Nur wenige Sätze später gilt das nicht mehr, zumindest nicht für ihn selbst, denn dann behauptet der Wissenschaftler summarisch: „Viele Veganer leiden unter B12-Mangel …“

Der Leser wartet gespannt, aber vergeblich auf den Beleg dieser Aussage.

Ideologie paart sich mit Angst vorm Anderssein

Veganer sind per se keine besseren Menschen; vielleicht ernähren sie sich gesünder, was die Nürnberger Ernährungsberaterin Neumann erfreulich unaufgeregt kommentiert:

»Vegan macht nicht automatisch krank – aber auch nicht automatisch gesund … Stoffwechselprobleme gibt es auch bei anderen Ernährungsformen.«

Zitat Christian Morgenstern 003Aber Veganer folgen einem besseren Lebenskonzept: Was in der Massentierhaltung geschieht, ist unsäglich.

Vielleicht geht mehr Menschen das Grauen in den Aufzuchtanstalten zu Herzen, als sie zuzugeben bereit sind; ihre natürliche (psychologische) Reaktion bestünde dann in einer Abwehr: „Ich, der Fleischesser, weiß, dass den Tieren Schlimmes angetan wird, aber ich unternehme nichts dagegen – weder verzichte ich, noch schränke ich mich ein. Du, Veganer, machst mich durch deine Lebensweise auf mein falsches Verhalten aufmerksam, und das gefällt mir nicht. Da es leichter ist, dich anzugreifen, als mich selbst zu ändern, greife ich dich an und mache mich lustig über dich.“

Gibt es Sachargumente gegen die vegane Ernährung? Nein, und deshalb formulieren sie spöttisch („Veganer stehlen den Tieren das Futter“), oder sie konstruieren falsche Sachargumente bzw. setzen falsche Akzente. Wie zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Vitamin B12.

Die wichtigsten Fakten zum Thema „Vitamin B12 und die vegane Ernährung“

Wozu braucht der Körper Vitamin B12; was genau bewirkt es?

Vitamin B 12 ist bei der Bekämpfung von Zellgiften enorm wichtig. Es wird hauptsächlich zur Herstellung der DNA gebraucht und beeinflusst das gesunde Wachstum.

Ohne Vitamin B12 kann keine Zellteilung stattfinden. Beim Transport von Nervensignalen ist das Vitamin ebenso unverzichtbar. Fehlt es, hat das gravierende Folgen. Bei Kindern kommt es zu Entwicklungsverzögerungen, von Vitamin-B12-Mangel Betroffene können anämisch werden oder neurologische und sogar psychiatrische Auffälligkeiten zeigen.

Vitamin B12 wird zur Blutbildung benötigt, denn es wandelt Folsäure in seine aktive Form um. Zum Abbau von Fettsäuren und zum Aufbau von Muskulatur und Knochen ist Vitamin B12 unverzichtbar. Es stärkt das Immunsystem, verbessert Stoffwechselvorgänge und beeinflusst Konzentrationsfähigkeit und Denkvermögen positiv.

Was unterscheidet Vitamin B12 von den anderen Vitaminarten?

Beim Stoffwechsel des Vitamins B12 (Cobalamin) spielen Dünndarm und Bauchspeicheldrüse eine herausragende Rolle.

Das Vitamin wird durch Magensäure im Magen freigesetzt und an ein Transport-Protein gebunden. Diese Verbindung wird im Dünndarm durch Enzyme der Bauchspeicheldrüse aufgespalten. Vitamin B12 wiederum bindet im Darm an den intrinsischen Faktor (IF) an, der von den Magenzellen gebildet wird und das Vitamin vor den Verdauungssekreten und Enzymen schützt. Zellen der Dünndarmwand nehmen nun die Verbindung aus IF und B12 auf.

Aus der kann der Körper Vitamin B12 nur dann aufnehmen, wenn dieses an den IF gebunden vorkommt.

Worauf muss der Veganer achten, damit er genügend Vitamin B12 erhält?

Da Vitamin B12 auch im Darm von Wiederkäuern produziert wird, Veganer aber komplett auf tierische Lebensmittel verzichten, kann diese Ernährungsweise zu einem Vitamin-B12-Mangel führen.

Der Erwachsene braucht täglich etwa 3 µg des essentiellen Vitamins. Zwar wird Vitamin B12 in der Leber gespeichert, doch nach fünf bis zehn Jahren sind die Vorräte meist aufgebraucht. Durch den entstandenen Mangel steigt der Homocystein-Spiegel, ein „Gegenspieler“ des lebenswichtigen B-Vitamins.

Vitamin B12 kann überschüssiges Stickstoffmonoxid binden und dadurch oxidativem Stress vorbeugen.

Vitamin-B12-Quellen für Veganer

Es ist ein Irrglaube, Vitamin-B12-Mangel entstehe durch vegane Ernährung. Fehlernährung kann jedoch zu Vitamin-B12-Mangel führen.

Sind Resorptionseinschränkungen im Darm ausgeschlossen, braucht auch ein Mensch mit veganer Ernährungsweise keine Mängel befürchten. Wildpflanzen, nicht gewaschenes biologisches Obst und milchsauer vergorenes Gemüse wie Sauerkraut enthalten genügend Vitamin B12.

Hervorragende Vitaminspender sind Nori-Algen und Chlorella-Algen. Auch Sanddorn ist eine gute Vitamin-B12-Quelle für Veganer. Darüber hinaus gibt es etliche mit Vitamin B12 angereicherte Lebensmittel. Dazu gehören beispielsweise Sojamilch, Müsli, vegane Wurst und Brotaufstriche oder Frühstückscerialien.

Die Mengen an Vitamin B12 in diesen Lebensmitteln sind gering; wer also auf Nummer sicher gehen möchte, nimmt das Vitamin in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zu sich.

* Notizen zu Pythagoras

Der Ursprung dafür liegt möglicherweise schon in der Bewegung der Pythagoräer. Pythagoras von Samos, der Gründer einer philosophischen Bewegung im 6. Jahrhundert vor Christus, propagierte den Vegetarismus, der als „Enthaltung von allem Beseelten“ verstanden wurde. Die pythagoreische Diät war die erste vegane Diät, eine Protesternährung. Pythagoras wollte gegen die Hierarchien der Gesellschaft angehen und keine Opferspeisen akzeptieren, bei denen die einen den Braten und die anderen die Knochen bekamen. Seine Haltung: Wir ernähren uns rein pflanzlich, essen nur Früchte und zeigen damit, dass wir uns nicht in Hierarchien einordnen lassen.

 »Menschen haben einen sehr anpassungsfähigen Stoffwechsel. Wären wir Maja oder Atzteken, wären wir von Natur aus Veganer.« (alle Zitate von Brigitte Neumann auf dieser Seite stammen aus dem Tagesgespräch auf Bayern 2 vom 10. Juni 2014)

Brigitte Neumann, Frühstückscerealien

Das Thema von Brigitte Neumann, Jahrgang 1962, ist die gesunde Ernährung – oder in ihren eigenen Worten: Spaghetti zwischen Wissenschaft und Erfahrung.

Die freiberufliche Ernährungswissenschaftlerin hat ihr Studium an der Justus-von-Liebig-Universität in Gießen 1987 absolviert mit dem Abschluss „Diplom-Ökotrophologin“. Heute schreibt sie, hält Vorträge und Seminare, unterrichtet und berät rund um die Ernährung.

Auf www.gesunder-mausklick.de finden sich viele Aufsätze von ihr. Ihr Kennzeichen: Neumann nimmt kein Blatt vor den Mund und äußert dezidiert ihre Meinung.

Unter Frühstückscerealien versteht man Getreideprodukte, zum Beispiel Haferflocken Müsli, Hafer, Weizen, Mais, Dinkel, Gerste, Roggen oder Reis; das Getreide wird mit Wasser, Milch oder Fruchtsaft zu einem Brei vermengt.

Bei Cerealien handelt es sich um einen Begriff aus dem Marketing, vergleichbar etwa mit der Piemont-Kirsche, die es als eigene Fruchtsorte nicht gibt, sondern bloß eine im Markenregister eingetragene Marke ist. (Wie die Website veganblatt.com berichtet, handelt es sich bei Mon Chéri erstaunlicherweise um ein veganes Produkt; nicht unbedingt gesund, aber frei von tierischen Produkten.)

Cerealien sind oft in hohem Maße industriell verarbeitete Fertiggerichte, und besonders daran entzündet sich die Kritik an den Produkten. Der wesentliche Einwand lautet: Die Hersteller von Cerealien werben mit einem vermeintlich hohen gesundheitlichen Nutzen – tatsächlich aber enthalten die Cerealien oftmals einen enormen Zuckeranteil.

So schreibt die Stiftung Warentest 2008, keines der Cerealien-Produkte eigne sich als „gesunder Start in den Tag“. Wörtlich heißt es: „Fast alle gehören mit ihrem hohen Zuckergehalt ins Süßigkeitenregal, nicht in die Müsliabteilung.“

Argumente für Veganer – bissig dargebracht

Dass es mehr als bloß gute Gründe für die vegane Ernährung gibt, hat der Kabarettist Hagen Rether in sechseinhalb Minuten auf den Punkt gebracht.

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