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Zahl der Woche: 3.263 neue HIV-Diagnosen

Zahl der Woche: 3.263 neue HIV-Diagnosen
Aus den Augen – aus dem Sinn? Längst schon hat AIDS seinen einstigen Spitzenplatz in den Schlagzeilen räumen müssen. Fakt aber ist: Noch immer infiziert sich in Deutschland beinahe täglich ein Mensch mit dem Verursacher der Krankheit, dem Humanen Immundefizienz-Virus, das man eher unter seiner Abkürzung kennt: HIV!

HIV: Mysteriöse Krankheit

Es war Anfang der achtziger Jahre, die Katastrophe von Tschernobyl lag noch im Regal, aus dem das Schicksal sich bedient, als die westlichen Medien Schwung aufnahmen: Sie hatten AIDS als Thema entdeckt, jene Krankheit, die wie aus dem Nichts gekommen schien und vielerorts als Strafe Gottes bezeichnet wurde für ein Leben in Sünde.

Eine Handvoll schwerkranker Männer hatte Forscher in den USA rätseln lassen: Deren Krankheit maskierte sich als Lungenentzündung, ihre Lymphknoten schwollen an, es bildeten sich Tumore wie das Kaposi-Sarkom.

Die Forscher kamen zum Schluss: Hier musste eine dramatische Immunschwäche des Körpers vorliegen, ausgelöst durch ein Virus – soweit und bis dahin eine tragische, ansonsten aber wenig aufsehenerregende Geschichte. Doch dann stellte sich heraus: Jeder der erkrankten Männer war homosexuell!

Stammtisch, Kirche, Medienklatsch: Schaum vorm Mund wegen HIV

Ab diesem Zeitpunkt drang kaum mehr eine vernünftige Stimme ins Bewusstsein der Menschen. Die Stigmatisierung der an AIDS Erkrankten, wie jene Krankheit bald hieß, die man bekam, wenn man sich mit HIV angesteckt hatte, sie nahm Fahrt auf.*

Die Zeitschrift Spiegel geiferte über die angebliche Homosexuellen-Seuche. (Das ist nicht ungewöhnlich! Ähnliche Sprachentgleisungen gab es im Zusammenhang mit der sogenannten Schweinegrippe.)

Sich moralisch gerierende Menschen aller Schichten wetterten gegen Untreue und widernatürliche Sexualität, Ärzte verweigerten die Behandlung.

Ronald Reagan, amerikanischer Präsident mit Alzheimer-Problematik, reagierte erst in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre – auf einen Brief von Schauspielerin Elizabeth Taylor, der engen Freundin des Präsidentenpaares. Ein paar Jahre zuvor war AIDS noch Anlass für Spott und Hohn – auch im Weißen Haus.

Stimmungswechsel: HIV kann jeden treffen

Beinahe 20 Jahre lang galt AIDS als Krankheit von Randgruppen, von Schwulen, Schwarzen (Negern, wie man damals sagte), Fixern. Sie hatte sich im Bewusstsein der Gesellschaft eingenistet als ein peinliches Ereignis, dem man aus dem Weg gehen konnte, indem man keine Drogen nahm und (sexuelle) Kontakte zu Schwarzen und Schwulen mied.

Doch ein Virus lässt sich nicht aufhalten: Das HIV sprang vom Bewusstsein der Menschen in ihre Körper …

Die ersten, die es traf, waren die Bluter; sie infizierten sich mit dem HIV an den Blutkonserven. Dann ereilte es Schwangere und ihre Neugeborenen, und schließlich schien niemand mehr sicher.

Auf einmal war Sex in der Ehe kein Garant mehr für Schutz vor dem Virus. Beziehungen zerbrachen wegen des Vorwurfs der Untreue (denn in eine „saubere“, also „treue“ Beziehung, so dachte man, konnte das Virus ja nicht eindringen).

Selbst in den verstecktesten Winkel des bayerischen Walds fand das Virus Zuschlupf, in den glaubensstärksten Gemeinden der Republik, in den unscheinbarsten Biographien!
HIV, das Humane Immundefizienz-Virus, war am Ziel: Es konnte überall auftauchen. Zu jeder Zeit.

Ich weiß, was du vor elf Jahren gemacht hast

Gerade der Faktor Zeit erweist sich dabei als einer der besonders heimtückischen Aspekte des Virus: Zwischen neun und elf Jahre vergehen zwischen dem Befall durch das Virus und dem Ausbruch der Krankheit AIDS (man spricht hier von der sogenannten Latenzphase).

Neun bis elf Jahre – das ist der Durchschnitt. Aber es gibt auch Fälle, bei denen die Krankheit wenige Monate nach der Infektion ausbricht – wie es andererseits Menschen gibt ohne AIDS, die sich bereits Mitte der achtziger Jahre mit HIV infiziert haben.

Keine Chance auf Heilung bei gleichzeitig hohem HIV-Infektionsrisiko

AIDS ist furchtbar. AIDS kann nicht geheilt werden. Wer sich mit HIV infiziert hat, wer also das Virus in sich trägt, muss sich mit einer Zeitbombe in seinem Körper arrangieren. Aktuelle Medikamente lindern die Beschwerden, sie verzögern den Ausbruch, sie drängen das Virus zurück – aber sie heilen nicht.

Und auch wenn das AIDS und HIV schon lange nicht mehr die Schlagzeilen beherrschen, so bestimmen sie das Leben derjenigen, bei denen AIDS ausgebrochen ist oder die sich mit HIV infiziert haben.
Im Jahr 2013 waren das genau 3.263 Menschen.

* So kam AIDS zu seinem Namen, Positive HIV-Antikörpertests, Bundesländer

Dass die Krankheit AIDS genannt wurde, gehörte noch zu den beruhigendsten Aspekten in der damaligen Hysterie: Aus schierer Hilflosigkeit und Unwissenheit über Hintergründe, Ursachen und Prognosen der Immunschwächeerkrankung gab man ihr den wertfreien Namen Acquired Immune Deficiency Syndrome, auf Deutsch: erworbenes Immundefektsyndrom, abgekürzt AIDS.

Erklärung der Abkürzungen

  • MSM »» Männer, die Sex mit Männern haben
  • IVD »» intravenös verabreichte Drogen
  • HET »» heterosexuelles Transmissionsrisiko (Transmission bedeutet Übertragung). Die Ergänzung „in“ = inländisch; „aus“ = ausländisch; „unb“ = unbekannt
  • PPI »» Mutter-Kind-Transmissionen. Das Robert-Koch-Institut schreibt dazu in seinem Epidemiologischen Bulletin Nr. 26:

Von den 21 gemeldeten Mutter-Kind-Übertragungen sind 12 Kinder bereits infiziert nach Deutschland eingereist. Acht dieser Kinder stammen aus Subsahara-Afrika. In 2013 wurden 9 Kinder von HIV- infizierten Müttern in Deutschland geboren. In 7 Fällen war der Schwangeren kein HIV-Test angeboten worden.

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